{"id":622,"date":"2016-10-24T09:51:15","date_gmt":"2016-10-24T09:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/eritreischer-medienbund.ch\/?page_id=622"},"modified":"2016-12-09T00:39:48","modified_gmt":"2016-12-09T00:39:48","slug":"das-argument-der-wirtschaftsfluechtlinge-im-verhaeltnis-zum-nationaldienst","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/eritreischer-medienbund.ch\/wordpress\/literatur\/das-argument-der-wirtschaftsfluechtlinge-im-verhaeltnis-zum-nationaldienst\/","title":{"rendered":"Das Argument der \u00abWirtschaftsfl\u00fcchtlinge\u00bb im Verh\u00e4ltnis zum Nationaldienst"},"content":{"rendered":"<p><em>von Yvonne Meyer<\/em><br \/>\n<br \/>\nNach Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen verlassen jeden Monat zwischen 2000 und 3000 Eritreer*innen das Land. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht in ihrem Ende 2015 ver\u00f6ffentlichten Bericht &#171;Just Deserters&#187; sogar von 5000 monatlich Geflu\u0308chteten. Der Hauptgrund fu\u0308r diesen Exodus ist der Milit\u00e4rdienst, auch National Service genannt. Laut einer Mitteilung des UNHCR handelte es sich bereits Ende 2014 bei 90% der geflu\u0308chteten Eritreer*innen um junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren. Doch auch viele unbegleitete Minderj\u00e4hrige verliessen bereits das Land. Diese jungen Menschen fassen den Entschluss zur Flucht nicht leichtfertig, denn sie sind sich der Risiken bewusst, die sie damit eingehen. Wie es fru\u0308her in der DDR u\u0308blich war, ist das Verlassen des Landes ohne Visum verboten. Das Staatssekretariat fu\u0308r Migration (SEM) stellt in allen Asylentscheiden, in denen es um das illegale Verlassen des Landes geht, fest: Ein legales Verlassen Eritreas ist grunds\u00e4tzlich lediglich mit einem gu\u0308ltigen Reisepass und einem zus\u00e4tzlichen Ausreisevisum m\u00f6glich. Ausreisevisa werden von den eritreischen Beh\u00f6rden bereits seit mehreren Jahren nur noch unter sehr restriktiven Bedingungen und gegen Bezahlung hoher Geldbetr\u00e4ge an wenige als loyal beurteilte Personen ausgestellt, wobei Kinder ab elf Jahren, M\u00e4nner bis zum Alter von 54 Jahren und Frauen bis 47 Jahren grunds\u00e4tzlich von der Visumserteilung ausgeschlossen sind.<br \/>\n<br \/>\nWer vor dem Wehrdienst flu\u0308chtet, gilt somit als Landesverr\u00e4ter*in. Die Grenzen sind streng bewacht und die Beamten haben den Auftrag, Leute, die das Land illegal verlassen, zu erschiessen. Die Fluchtroute durch die Sahara ist sehr gef\u00e4hrlich. Immer wieder geraten Flu\u0308chtlinge in die H\u00e4nde skrupelloser Menschenh\u00e4ndler*innen, die sie in Geiselhaft nehmen und bei ihren Angeh\u00f6rigen L\u00f6segeld erpressen. Die wehrlosen Flu\u0308chtlinge werden verkauft, grausam gequ\u00e4lt und die Frauen werden Opfer von brutaler, sexueller Gewalt. In Libyen angekommen, werden viele Flu\u0308chtlinge verhaftet und landen in furchtbaren Gef\u00e4ngnissen ohne Tageslicht. Oft bleiben sie dort mehrere Monate und werden regelm\u00e4ssig misshandelt. Ein westafrikanischer Flu\u0308chtling sagte unl\u00e4ngst gegenu\u0308ber der Hilfsorganisation SOS M\u00e9diterran\u00e9e u\u0308ber seine sechsmonatige Inhaftierung in Libyen: <\/p>\n<blockquote><p>\u201dIn Libyen werden Afrikaner aus Subsahara-Afrika aus ihren H\u00e4usern gezerrt und ins Gef\u00e4ngnis geworfen. Sie geben uns fu\u0308nf Tage lang kein Essen, dann etwas Spaghetti und das war\u2019s. Sie pru\u0308geln uns, sie pru\u0308geln uns, jeden Tag pru\u0308geln sie uns.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p> Die letzte Etappe fu\u0308hrt dann in meist seeuntauglichen Booten u\u0308ber das Mittelmeer. Immer wieder kommen Flu\u0308chtlinge bei der \u00dcberfahrt ums Leben. Ein von SOS M\u00e9diterran\u00e9e aufgegriffener Flu\u0308chtling erinnert sich: \u201eDas Boot war besch\u00e4digt. Man konnte h\u00f6ren, wie Luft rauskam. Aber ich setzte mich rein. Ich hatte mich bereits entschieden, dass es besser war auf See zu sterben als in der N\u00e4he von jemandem zu wohnen, der mich letztendlich umbringen wird.\u201d Die gr\u00f6sste Trag\u00f6die ereignete sich am 3. Oktober 2013, als mehr als 360 Menschen, viele davon Eritreer*innen, ertranken. Aber Dawoye* (Name ge\u00e4ndert) aus Mali resu\u0308miert: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs ist unglaublich be\u00e4ngstigend. Wenn man Glu\u0308ck hat, kommt man auf ein gr\u00f6\u00dferes Schiff wie dieses, das einen aufsammelt. Aber wenn man kein Glu\u0308ck hat, dann stirbt man. Wir nehmen dieses Risiko auf uns und wir mu\u0308ssen mit den Ergebnissen leben. Wir haben keine andere Chance.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>\nDa die Fluchtwege sehr gef\u00e4hrlich sind, bleiben die Frauen oft in den angrenzenden L\u00e4ndern im Sudan oder in \u00c4thiopien zuru\u0308ck. Dort existieren zwar Flu\u0308chtlingslager des UNHCR. Diese werden von den Schutzsuchenden jedoch oft gemieden, da sie sich vor \u00dcbergriffen der lokalen Bev\u00f6lkerung bzw. vor Entfu\u0308hrungen durch Menschenh\u00e4ndler*innen sowie Mitgliedern der eritreischen Sicherheitsdienste fu\u0308rchten. Besonders beru\u0308chtigt ist das Flu\u0308chtlingslager im sudanesischen Shegerab. Zudem sind die Lebensbedingungen in den Lagern prek\u00e4r. So lassen sich viele Flu\u0308chtlinge zun\u00e4chst in den Hauptst\u00e4dten \u00c4thiopiens und des Sudans nieder, wo sie sich illegal aufhalten. W\u00e4hrend die M\u00e4nner versuchen, ihre Weiterreise mit Gelegenheitsjobs zu finanzieren, bleiben die Frauen oft zuru\u0308ck, weil sie Angst haben, in der Wu\u0308ste vergewaltigt zu werden. Sie lassen ihre M\u00e4nner, Bru\u0308der und Freunde allein weiterziehen und hoffen, dass sie ihnen sp\u00e4ter auf legalem Weg nachreisen k\u00f6nnen. Auch Frauen mit Kindern wagen es nur selten, die Wu\u0308ste zu durchqueren.<br \/>\n<br \/>\nDie Tatsache, dass die jungen Menschen diese hohen Risiken eingehen und damit ihr Leben riskieren, beweist ihre Hoffnungslosigkeit. Niemand nimmt diese Gefahren in Kauf nur fu\u0308r \u201eein besseres Leben und Luxus\u201c, oder so wie es Eritreas Staatspr\u00e4sident Afewerki einst zynisch formulierte: &#171;um ein Picknick zu machen\u201c. Nur die Verzweiflung und der Wunsch nach Freiheit l\u00e4sst den jungen Menschen keine andere Wahl. Sie wollen ihre Zukunft selber bestimmen, eine Ausbildung machen und nicht mehrere Jahrzehnte im National Service &#171;fu\u0308r den wirtschaftlichen Aufbau des Landes&#187; benutzt werden.<br \/>\n<br \/>\nBei einer Bev\u00f6lkerungszahl von 6.75 Millionen Einwohner*innen dienen ca. 400\u2019000 Personen im National Service. Dieser National Service ist in keiner Weise mit unserer Rekrutenschule vergleichbar. Der eritreische National Service bedeutet sechs Monate strenge milit\u00e4rische Ausbildung und Zwangsarbeit auf unbestimmte Zeit, die mehrere Jahrzehnte dauern kann. Artikel 2,1 des \u00dcbereinkommens u\u0308ber Zwangsarbeit (Convention on Forced Labour CFL) von 1930 definiert Zwangs- oder Pflichtarbeit als &#171;jegliche Arbeit oder Dienst, die von einer Person unter Androhung von Strafe verlangt wird und fu\u0308r die sich besagte Person nicht freiwillig zur Verfu\u0308gung gestellt hat.&#187; Im Amnesty-Bericht steht: &#171;Die Regierung l\u00e4sst verlauten, dass die unbeschr\u00e4nkte Verpflichtung zum National Service notwendig sei angesichts der st\u00e4ndigen Bedrohung, der Eritrea durch die Aggression von \u00e4thiopischer Seite her ausgesetzt sei. Somit stellt die allgemeine Verpflichtung zum Milit\u00e4rdienst per se noch keine Verletzung des internationalen Verbots der Zwangsarbeit dar, wie sie im internationalen Vertrag u\u0308ber bu\u0308rgerliche und politische Rechte oder in der Vereinbarung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) betreffend Zwangs- und Pflichtarbeit definiert ist. Beide Vertr\u00e4ge halten im Falle eines Notstandes die M\u00f6glichkeit zur Einberufung in den Nationaldienst offen, doch nur unter der Pr\u00e4misse, dass die Arbeit rein milit\u00e4rischen Charakter hat. Eine weitere Bedingung ist, dass die Dauer, das Ausmass und der Zweck der verpflichtenden Arbeit auf das unbedingt Notwendige beschr\u00e4nkt bleiben. Der Einsatz von verpflichtender bzw. Zwangsarbeit zum Zwecke der wirtschaftlichen Entwicklung ist nach internationalem Recht ausdru\u0308cklich verboten.&#187;<br \/>\n<br \/>\nSchon die 12. Schulklasse findet in einem milit\u00e4rischen Ausbildungslager statt. Die Schu\u0308ler*innen erhalten eine strenge milit\u00e4rische Ausbildung (meist im Ausbildungscenter in Sawa), schlechter qualifizierte Schulabg\u00e4nger*innen bzw. vorzeitig abgegangene und bei Razzien aufgegriffene ehemalige Schu\u0308ler*innen werden in anderen Lagern &#171;ausgebildet&#187; und sp\u00e4ter fu\u0308r niedrige Arbeiten (Landwirtschaft, Strassenbau etc.) herangezogen. In den Ausbildungslagern werden sie zudem &#171;politisch sozialisiert&#187;. W\u00e4hrend einige wenige Sawa-Absolvent*innen mit einem besonders guten Notendurchschnitt an einem der sieben der Regierung unterstellten Colleges studieren und sp\u00e4ter als Privilegierte in Verwaltungen, staatlichen Betrieben, Banken, Ministerien, parteieigenen Firmen und in Krankenh\u00e4usern sowie als Lehrer*innen arbeiten du\u0308rfen, folgt fu\u0308r die u\u0308brigen Absolvent*innen der Nationaldienst auf unbestimmte Zeit. Er kann vom 18. bis zum 50. Lebensjahr dauern, oder sogar l\u00e4nger. Nach dem oben erw\u00e4hnten Amnesty-Bericht wurden z.B. in der Region Gashbarka 2015 sogar Extra-Einheiten unter dem Namen &#171;People&#8217;s Army&#187; gebildet, in denen \u00e4ltere Menschen fu\u0308r ein 1-2monatiges Auffrischungstraining aufgeboten und danach in ihnen zugeteilten Arbeitsbereichen, z.B. als Wachtposten vor \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden oder auf dem Bau, eingesetzt wurden. Der \u00e4lteste in diesem Rahmen von Amnesty befragte Mann war 67 Jahre alt, aber auch \u00e4ltere Frauen werden laut Amnesty wieder eingezogen.<br \/>\n<br \/>\nSchwere k\u00f6rperliche Arbeit und politische Sozialisierung werden als Mittel eingesetzt, um Arbeitsmoral, Gefu\u0308gigkeit, Unterordnung und Disziplin herbeizufu\u0308hren. Damit wird gegen Wortlaut und Sinn der Konventionen verstossen, die Zwangsarbeit verhindern sollen. Die Einheitspartei PFDJ (People Front for Democracy and Justice) und das Milit\u00e4r kontrollieren die meisten kommerziellen Betriebe.<br \/>\n<br \/>\nDie Bezahlung im National Service gleicht laut u\u0308bereinstimmenden Berichten einem Taschengeld. Sie betr\u00e4gt fu\u0308r die meisten Diensttuenden lediglich 450 Nakfa, was ca. CHF 25.- entspricht. Dies ist ein Mittelwert, denn der Kurs schwankt st\u00e4ndig. Offiziell lag er bei Ver\u00f6ffentlichung des Amnesty-Berichtes bei $43, doch wird sein Wert auf dem Schwarzmarkt, wo sich viele Eritreer*innen mit dem Notwendigsten versorgen, weil die staatlich zugeteilten Lebensmittelrationen nicht ausreichen, eher um die $10 gesch\u00e4tzt. Hier einige Vergleichszahlen: <\/p>\n<blockquote><p>1 kg Fleisch kostet ca. 280 Nakfa. 10 kg Teff (Zwerghirse), ein wichtiges Getreide, das zu Fladenbrot und Bier weiterverarbeitet und als Viehfutter verwendet wird, kostet 500 \u2013 600 Nakfa. Ein Zimmer, 3 auf 4 Meter, kostet 600 \u2013 800 Nakfa. Nur wenige von Amnesty befragte Milit\u00e4rangeh\u00f6rige gaben an, 600, 800 oder gar 1000 Nakfa pro Monat zu erhalten. <\/p><\/blockquote>\n<p>\nDiese Zahlen zeigen, dass es unm\u00f6glich ist, mit dem Sold weitere Familienangeh\u00f6rige zu ern\u00e4hren. Da oft in einer Familie mehrere Personen National Service leisten, fehlen u\u0308berdies die arbeitsf\u00e4higen und leistungsstarken Familienmitglieder; insbesondere in der Subsistenzlandwirtschaft in den D\u00f6rfern. Urlaub gibt es selten, sodass die Familie oft nur einmal im Jahr besucht werden kann. \u201cMein Vater war schon im Milit\u00e4r, bevor ich geboren wurde&#187;, sagte Binyam, 18 Jahre alt, gegenu\u0308ber Amnesty International. <\/p>\n<blockquote><p>&#171;Er (der Vater) erh\u00e4lt dort 450 Nakfa pro Monat, was nicht einmal ausreicht, um \u00d6l zu kaufen. Meine \u00e4ltere Schwester war drei Jahre lang (im National Service) verpflichtet, bevor sie nach \u00c4thiopien floh. Ich habe das Land verlassen, bevor ich eingezogen werden konnte. Ich wollte das nicht. Es bringt nichts. Ich habe das bei meinem Vater und meiner Schwester gesehen. Wir haben unseren Vater vielleicht alle sechs Monate fu\u0308r eine oder zwei Wochen gesehen, doch wenn er zu lange blieb, kam seine Einheit und holte ihn zuru\u0308ck. Ich will nicht Kinder haben, die mich nur alle sechs Monate sehen. Ich m\u00f6chte meine Kinder jeden Tag sehen.\u201d <\/p><\/blockquote>\n<p>\nIn den Milit\u00e4rlagern werden Frauen regelm\u00e4ssig Opfer von sexueller Bel\u00e4stigung und Gewalt. Es kommt oft zu ungewollten Schwangerschaften, was fu\u0308r die Frauen in der konservativen eritreischen Gesellschaft zu sozialer \u00c4chtung und Marginalisierung fu\u0308hrt und somit l\u00e4ngerfristig gesamtgesellschaftlich fatale Folgen hat. Milit\u00e4rischer Ungehorsam, z. B. das unerlaubte Fernbleiben von der Einheit, wird mit drakonischen Strafen und Haft unter unzumutbaren Bedingungen bestraft. Dabei sind die Haftzeiten fu\u0308r die Vergehen laut Amnesty International nicht einheitlich, sondern liegen im Ermessen der jeweiligen Kommandant*innen. Eine g\u00e4ngige Foltermethode ist z.B. der &#171;Helikopter&#187;. Dabei wird der\/die Betroffene an Armen und Beinen zusammengebunden und dann entweder am Boden oder an einem Baum h\u00e4ngend mehrere Stunden lang der prallen Sonne ausgesetzt. Auch wer vor der Rekrutierung untertaucht und sp\u00e4ter bei einer der zahlreichen Razzien aufgegriffen wird sowie alle, die der Dienstverweigerung verd\u00e4chtigt werden, riskieren lange Haftstrafen in Schiffscontainern oder unterirdischen Zellen, die Misshandlung und Folter miteinschliessen. Die Betroffenen werden ohne richterliches Urteil und ohne Kontakt zur Aussenwelt an geheimen Orten ohne Wissen ihrer Familien festgehalten (Incommunicado-Haft). Die medizinische Versorgung ist schlecht und es kommt immer wieder zu ungekl\u00e4rten Todesf\u00e4llen. Nach Verbu\u0308ssung der Haftstrafen werden die Gefangenen wieder ihrer Einheit zugefu\u0308hrt. Es ist selbstredend, dass derlei Haftbedingungen, wie sie im Amnesty Bericht best\u00e4tigt werden, international ge\u00e4chtet sind.<br \/>\n<br \/>\nDie jungen Menschen opfern ihre besten Jahre der Regierung. Sie haben keine M\u00f6glichkeit, zu studieren, da die letzte Universit\u00e4t im Jahr 2003 geschlossen wurde und es seither keine h\u00f6here Bildungseinrichtung mehr gibt, die nicht dem Milit\u00e4r unterstellt w\u00e4re. Selbst die oben erw\u00e4hnten Sawa-Abg\u00e4nger*innen, die zu den Colleges zugelassen werden, k\u00f6nnen ihren Studiengang und somit ihren ku\u0308nftigen Beruf nicht selbst w\u00e4hlen. Dies bestimmt die Regierung nach Bedarf, was laut Amnesty-Bericht ebenfalls gegen die Konvention gegen Zwangsarbeit verst\u00f6sst. Deshalb fehlt der eritreischen Jugend die Freiheit, u\u0308ber ihre Zukunft selber bestimmen bzw. eine Familie gru\u0308nden zu k\u00f6nnen.<br \/>\n<br \/>\nFlieht ein Mensch aus Eritrea, wird entweder ein*e Angeh\u00f6rige*r in Haft genommen (Sippenhaft), oder die Familie muss eine Bu\u0308rgschaft von 50&#8217;000 Nakfa (der Sold von u\u0308ber 100 Monaten Nationaldienst bzw. knapp SFr. 3&#8217;000.-) bezahlen.<br \/>\n<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs herrscht ein Klima der Angst\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>, sagt Veronica Almedom von \u201eThe Stop Slavery In Eritrea\u201c-Kampagne.<br \/>\n<br \/>\n\u201eMan hat Angst vor der Polizei, den Nachbarn, dem eigenen Onkel\u201c, sagt der Anthropologe David Bozzini. Erpressen, Ausspionieren und Drohen sind nicht nur Mittel der Beh\u00f6rden. Das fu\u0308hrt dazu, dass man niemandem mehr traut, so wie es zu DDR-Zeiten der Fall war. <\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan kann von heute auf morgen von der Strasse gefischt werden und verschwinden\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>, schreibt der Ethnologe Magnus Treiber. Diese Aussagen von Menschen, welche die Situation in Eritrea wirklich kennen, beweisen, wie alarmierend die Menschenrechtslage in diesem Land ist. Auch der UNO-Bericht der Untersuchungskommission fu\u0308r Menschenrechte in Eritrea, der am 8. Juni 2016 ver\u00f6ffentlicht wurde, best\u00e4tigt grobe Menschenrechtsverletzungen, von denen einige sogar als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet werden. Sowohl die UNO als auch Amnesty International kommen in ihren Berichten zum selben Schluss: Sie empfehlen westlichen Regierungen, Asylsuchende aus Eritrea als Flu\u0308chtlinge anzuerkennen.<br \/>\n<br \/>\nDer UNO-Bericht basiert auf Zeugenaussagen von mehreren hundert Exil-Eritreer*innen, die selber Opfer dieses grausamen Regimes waren. Den UNOErmittler*innen wurde die Einreise nach Eritrea verweigert. Am 23. Juni 2016 versammelten sich mehr als 12\u2019000 Eritreer*innen und Freund*innen Eritreas in Genf, um ihre Unterstu\u0308tzung fu\u0308r den Bericht der Untersuchungskommission zu demonstrieren und die \u00dcberstellung des eritreischen Machthabers Isaias Afewerki an den Internationalen Gerichtshof fu\u0308r Menschenrechte (ICC) zu fordern. Viele Teilnehmer*innen der Demonstration tragen noch immer irreversible Narben der im Bericht festgehaltenen Menschenrechtsverletzungen an ihrem K\u00f6rper.<br \/>\n<br \/>\nAmnesty International schreibt in seinem neusten L\u00e4nderbericht u\u0308ber Eritrea: \u201eDer Nationaldienst in Eritrea gleicht einer unbefristeten Zwangsarbeit und beraubt eine ganze Generation junger Menschen ihrer Zukunft.\u201c Die Menschenrechtsorganisation belegt in ihrem Bericht von 2015 zudem, dass Menschen, die diesem Zwangsdienst entfliehen wollen, willku\u0308rliche Haft ohne Kontakt zur Aussenwelt droht. Michelle Kagari, Vizedirektorin von Amnesty International im Regionalbu\u0308ro Ostafrika: \u201eDie Realit\u00e4t des eritreischen Nationaldienstes straft die Behauptungen in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern Lu\u0308gen, wonach es sich bei den meisten eritreischen Flu\u0308chtlingen um Wirtschaftsmigrant*innen handelt.\u201c Amnesty International fordert deshalb die Asylbeh\u00f6rden der Aufnahmel\u00e4nder dazu auf , bei ihrer Entscheidungspraxis zu beru\u0308cksichtigen, dass die unbefristete Einberufung in den eritreischen National Service verbotener Zwangsarbeit gleichkommt und daher eine Menschenrechtsverletzung darstellt. Im Weiteren fordert Amnesty International die eritreische Regierung dazu auf, das System des unbefristeten Nationaldienstes zu beenden und die Praxis der weit verbreiteten, willku\u0308rlichen Incommunicado-Haft zu stoppen. Das eritreische Regime hat schon mehrfach angeku\u0308ndigt, den National Service auf 18 Monate zu begrenzen. Dieses Versprechen wurde aber bis jetzt nicht eingel\u00f6st, genauso wie das eritreische Volk seit 1997 vergeblich auf die Umsetzung einer Verfassung wartet.<br \/>\n<br \/>\nDer eritreische National Service wurde 1993 nach der Unabh\u00e4ngigkeit von der EPLF (Eritrean People\u2019s Liberation Front), die nach dem Sieg u\u0308ber das \u00e4thiopische Milit\u00e4rregime die Macht u\u0308bernommen hatte, eingefu\u0308hrt. Er galt fu\u0308r alle Frauen und M\u00e4nner zwischen 18 und 40 Jahren. Er bestand urspru\u0308nglich aus 6 Monaten milit\u00e4rischem Training und 12 Monaten Arbeit im Wiederaufbauprogramm. Viele meldeten sich freiwillig zu diesem Dienst. Wer das nicht tat, wurde nach Abschluss der 12. Schulklasse ins Ausbildungslager in Sawa einberufen. Wer nicht erschien, wurde gewaltsam ins Lager gebracht. Wer den Dienst verweigerte, z.B. aus religi\u00f6sen Gru\u0308nden, wie u.a. die Mitglieder der Zeugen Jehovas, wurde verhaftet und verschwand im Gef\u00e4ngnis. Als sich 1998 das Verh\u00e4ltnis zu \u00c4thiopien verschlechterte und ein Grenzkrieg (1998 \u2013 2000) ausbrach, der 100\u2019000 Tote forderte, wurden alle bisherigen Absolvent*innen des National Service wieder eingezogen. Nach Kriegsende gab es aber keine Demobilisierung. 2002 verku\u0308ndete die Regierung die sogenannte Warsay-Yikealo-Entwicklungskampagne (WYDC). Unter der Pr\u00e4misse der Situation \u201ekein Krieg \u2013 kein Frieden\u201c wurde der National Service auf unbestimmte Zeit verl\u00e4ngert. Das bedeutet fu\u0308r Frauen bis 27 Jahre, fu\u0308r M\u00e4nner bis mindestens 50 Jahre. Nach der Einfu\u0308hrung der WYDC, die den National Service zu einer unbefristeten Verpflichtung machte unter dem Vorwand, dass wegen der anhaltenden \u00e4thiopischen Bedrohung und auf Grund der internationalen Sanktionen eine Massnahme wie die WYDC notwendig geworden sei, entfiel konsequenterweise jegliche Freiwilligkeit zum Ableisten des National Service.<br \/>\n<br \/>\n<strong>Bibliographie:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amnesty.ch\/de\/laender\/afrika\/ eritrea\/dok\/2015\/bericht-unbefristeter-nationaldienst-fluechtlinge-brauchen-schutz\" target=\"_blank\">Amnesty International: Medienmitteilung<\/a><br \/>\n[Stand: Okt. 2016]<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/ausland\/naher-osten-und-afrika\/ Manchmal-reicht-die-schlechte-Laune-eines-Funktionaers-aus\/story\/11596402\" target=\"_blank\"> Burri, Anja: \u201eManchmal reicht die schlechte Laune eines Funktion\u00e4rs aus\u201c. Interview mit David Bozzini.<\/a><br \/>\n[Stand: Okt. 2016]<br \/>\nHirt, Nicole: Zivildienst oder Zwangsarbeit? Der eritreische National Service. In: Eritrea. Von der Befreiung zur Unterdr\u00fcckung, hg. von Martin Keiper. Hamburg 2015, S. 37-45.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/ 2016-06\/eritrea-fluechtlinge-zwangsarbeit-sklaverei-eu\" target=\"_blank\">Dies.: Flucht vor der Versklavung<\/a><br \/>\n[Stand: Okt. 2016].<br \/>\nKibreab, Gaim: Eine moderne Form der Sklaverei. In: Eritrea. Von der Befreiung zur Unterdr\u00fcckung, hg. von Martin Keiper. Hamburg 2015, S. 28-36.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.tagblatt.ch\/nachrichten\/ schweiz\/tb-in\/Traum-und-Albtraum-in-Eritrea;art120101,4302022\" target=\"_blank\">Lachat, Denise: Traum und Albtraum in Eritrea<\/a><br \/>\n[Stand: Okt. 2016]<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/fluechtlinge-aus- eritrea-ein-leben-in-angst.724.de.html?dram:article_id=334069\" target=\"_blank\">R\u00fchl, Bettina: Ein Leben in Angst<\/a><br \/>\n[Stand: Okt. 2016]<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.swr.de\/swr2\/programm\/sendungen\/wissen\/afrikas- gulag-fluechtlinge-berichten-aus-eritrea\/-\/id=660374\/did=15850740\/nid=660374\/ mdns5u\/index.html\" target=\"_blank\">Dies.: Afrikas Gulag.<\/a><br \/>\n[Stand: Okt. 2016]<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.bernerzeitung.ch\/ausland\/naher-osten-und-afrika\/wer-die-lage- in-eritrea-verharmlost-unterstuetzt-die-propaganda-der-diktatur\/story\/1260249\" target=\"_blank\">Zeier, Christian: \u201eWer die Lage in Eritrea verharmlost, unterst\u00fctzt die Propaganda der Diktatur\u201c.<\/a><br \/>\n[Stand: Okt. 2016]<br \/>\n<br \/>\n<strong>Weitere Lektu\u0308re und Videos<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.ohchr.org\/EN\/HRBodies\/HRC\/CoIEritrea\/Pages\/ 2016ReportCoIEritrea.aspx\" target=\"_blank\">Bericht der COIE<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.amnesty.org\/en\/documents\/afr64\/2930\/2015\/en\/\">Milit\u00e4rdienst in Eritrea<\/a><br \/>\nBericht von <a href=\"http:\/\/taskandpurpose.com\/eritrea-is-the-last-place-in-the-world-you-would-want-toserve- in-the-military\/\" target=\"_blank\">Amnesty International, Ende 2015<\/a><br \/>\nERITREA: <a href=\"https:\/\/www.makeeverywomancount.org\/images\/stories\/ documents\/USDepartmentofState_EritreaAbuseOfWomenInTheMIlitary_2009.pdf\" target=\"_blank\">Sexueller Missbrauch von Frauen im Milit\u00e4r, erg\u00e4nzende Liste derNachweise<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/world-report\/2016\/country-chapters\/eritrea\" target=\"_blank\">Human Rights Watch 2016<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.sem.admin.ch\/dam\/data\/sem\/internationales\/herkunftslaender\/afrika\/eri\/ERIagreed- minutes-bozzini-e.pdf\" target=\"_blank\">National Service and State Structures in Eritrea von Dr. David Bozzini <\/a><a href=\"http:\/\/ www.wsj.com\/articles\/eritreans-flee-conscription-and-poverty-adding-to-the-migrantcrisis- in-europe-1445391364\" target=\"_blank\">Warum Eritreer ihre Heimat verlassen <\/a><br \/>\nZekarias Kebraeb: <a href=\"https:\/\/ www.youtube.com\/watch?v=dX4FAWlvwxc\" target=\"_blank\">Menschenrechte in Eritrea werden verletzt <\/a><br \/>\nZekarias Kebraeb: <a href=\"https:\/\/ www.youtube.com\/watch?v=bMy_dXyfc24\" target=\"_blank\">Warum flu\u0308chtet ein junger Mensch aus Eritrea?<\/a><br \/>\nSOS M\u00e9diterran\u00e9e: &#171;in eigenen Worten&#187;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/sosmediterranee.org\/in-eigenen-worten-8\/\" target=\"_blank\">http:\/\/sosmediterranee.org\/in-eigenen-worten-8\/<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/sosmediterranee.org\/in-eigenen-worten-10\/\" target=\"_blank\">http:\/\/sosmediterranee.org\/in-eigenen-worten-10\/<\/a><br \/>\nDie Internetseiten wurden im Oktober 2016 abgerufen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eritreischer-medienbund.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Das-Argument-der-Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge_korrJM-2.pdf\">Als PDF herunterladen<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Yvonne Meyer Nach Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen verlassen jeden Monat zwischen 2000 und 3000 Eritreer*innen das Land. 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